Seite wählen

Stell dir vor es ist Krieg, und alle gehen hin!

 

 

Viele Menschen spüren gerade eine leise Irritation. Wir sprechen von Bewusstseinswandel, von einer neuen Erde, von mehr Verbundenheit und neuen Welten und gleichzeitig scheinen Kriege näher zu rücken, Konflikte aggressiver zu werden, die Bilder lauter, härter, unversöhnlicher. Selbst Filme, die eine weiterentwickelte Menschheit zeigen wollen, wie Avatar oder ähnliche Zukunftserzählungen, enden fast zwangsläufig im Kampf. Auch moderne Kampfsportarten, die immer extremer, aggressiver und enthemmter wirken, finden großen Zulauf. Das fühlt sich widersprüchlich an, fast wie ein Rückschritt.

Doch genau das ist es nicht!

Jeder kennt das Bild von einer Schlange, die sich häutet. Kurz vor dem Abstreifen wirkt sie unruhig, empfindlich, reagiert schneller auf Reize. Die alte Haut spannt, schützt nicht mehr, lässt keine Bewegung zu. Die Schlange kann die alte Haut nicht reparieren. Sie kann sie nur verlassen. Doch zwischen alter und neuer Haut gibt es einen Moment der Verletzlichkeit. Genau dieser Moment wird oft als „Gefahr“ missverstanden.

Auch unsere Welt steckt in einer zu engen Haut. Alte Denkweisen, Machtstrukturen und Identitäten schnüren ein Bewusstsein ein, das längst größer geworden ist. Die Unruhe ist kein Zeichen von Rückfall, sondern von Wachstum. Das Neue ist schon da – aber noch weich.

Neue Bewusstseinsebenen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie treffen auf bestehende Systeme, auf alte Ängste, auf Machtstrukturen, die über Jahrhunderte getragen haben. Und diese Strukturen reagieren nicht sanft, wenn sie ihre Kontrolle verlieren. Sie reagieren mit Abwehr. Mit Zuspitzung. Mit Gewalt. Nicht, weil sie stark sind, sondern weil sie überfordert sind.

Aggression ist in solchen Phasen kein Zeichen von Entwicklungslosigkeit, sondern oft ein Begleitsymptom von tiefem Wandel. Wenn Komplexität zunimmt und alte einfache Erklärungen nicht mehr greifen, sucht das System nach Ventilen. Krieg, Feindbilder, klare Gegner reduzieren Komplexität. Sie geben dem Verstand Halt, wo das Bewusstsein längst weiter ist, als die äußeren Formen es tragen können.

Deshalb zeigen neue Welten in Filmen und Geschichten selten eine friedliche Utopie. Sie zeigen Übergänge. Schwellenzustände. Momente, in denen das Neue bereits fühlbar ist, aber noch nicht stabil gelebt werden kann. Avatar erzählt nicht von einer fertigen neuen Menschheit, sondern von der Reibung zwischen zwei Bewusstseinsebenen. Zwischen Ausbeutung und Verbundenheit. Zwischen Kontrolle und Beziehung. Der Kampf ist dabei nicht das Zielbild, sondern der Spiegel dessen, was noch ungelöst ist.

Ein wirklich kriegsfreies Narrativ setzt etwas voraus, das kollektiv erst langsam wächst: die Fähigkeit, Widersprüche, Vielschichtigkeit und Unsicherheit auszuhalten, ohne sofort Schuldige zu brauchen. Solange diese Fähigkeit nicht im Inneren verankert ist, entlädt sich Spannung im Außen als Aggression.

Das gilt nicht nur für Gesellschaften, sondern für jeden Einzelnen. Auch im persönlichen Wandel tauchen vor tiefen Veränderungen Unruhe, Wut oder Widerstand auf. Nicht, weil etwas falsch läuft, sondern weil alte innere Ordnungen ihre Gültigkeit verlieren. Das Ego kämpft, wenn es merkt, dass es nicht mehr das letzte Wort hat.

Bewusstseinsarbeit bedeutet in dieser Zeit deshalb nicht, die äußeren Konflikte wegzudenken oder sich spirituell darüber zu erheben. Sie bedeutet, im eigenen Feld präsent zu bleiben. Die eigenen Reaktionen wahrzunehmen. Nicht jede Spannung sofort zu bewerten. Nicht jede Angst nach außen zu projizieren. Bewusstseinsarbeit heißt, Komplexität im Inneren zu halten, statt sie im Außen zu bekämpfen.

Was der Einzelne tun kann, ist unspektakulär und zugleich tief wirksam: innehalten, bevor er Partei ergreift. Zuhören, bevor er urteilt. Den eigenen inneren Krieg erkennen, bevor er sich im Außen empört. Je mehr Menschen diese innere Arbeit leisten, desto weniger Nahrung haben die alten Muster im Kollektiv.

Neue Welten entstehen nicht sauber. Sie entstehen durch Reibung. Durch Übergänge, die laut, chaotisch und unbequem sind. Der Krieg, den wir sehen, ist kein Beweis gegen den Bewusstseinswandel. Er zeigt, wie sehr das Alte noch kämpft und wie nah das Neue bereits ist.

Vielleicht ist genau das der ehrlichste Ausdruck dieser Zeit: Das Bewusstsein ist weiter als die Strukturen, die es tragen sollen. Und zwischen beidem liegt eine Zone, die wir gerade gemeinsam durchqueren. Dass es sich unbequem anfühlt, heißt nicht, dass Entwicklung scheitert. Es heißt, dass sie real ist.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Kraft und Zuversicht, und die Vorfreude auf unsere „neue Haut“; sie ist schon da, aber die alten Schuppen jucken und kratzen noch! (…und jucken ist so ziemlich das schlimmste Gefühl, das man haben kann! 🙂

Alles Liebe
Deine
Stefanie