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Raus aus dem Tunnelblick

Humor ist eine der
freundlichsten Möglichkeiten,
unseren Wahrheitsausschnitt
zu erweitern.

Das Neue beginnt manchmal nicht
mit einer neuen Antwort,
sondern mit einer Frage,
die noch niemand zu stellen wagte.

... Fortsetzung 1:
 Du erinnerst dich: Du schlüpfst in die Wahrnehmung unseres außerirdischen Besuchers. Angenehm türkisfarben, weit gereist und noch immer auf der Erde. Deinen Rückflug hast du verschoben. Dieser Planet befindet sich weiterhin im Umbau, und inzwischen interessieren dich die Verhaltensweisen, besonders der menschlichen Bewohner.
Heute hast du dich mitten durch die Wand in die Küche gewagt. Du hoffst auf Kaffee, bleibst aber vorsichtshalber durchsichtig. Die Frau, die du besuchst, hat ihre drei Freundinnen eingeladen, die die Tür benutzt haben, und du möchtest zunächst beobachten, wie man hier miteinander umgeht.Mitten in einer fremden Küche sichtbar zu werden, erschien dir etwas voreilig. … und außerdem stehen nur vier Tassen auf dem Tisch. Du möchtest weder das Weltbild der Anwesenden noch die Gastgeberin unnötig unter Druck setzen.„Ich muss euch etwas erzählen“, beginnt die Frau, nachdem alle Freundinnen am Tisch ihren Platz gefunden haben. „Stellt euch vor, gestern war ein Alien vor meinem Küchenfenster.“
Eine Freundin hält mitten im Einschenken des Kaffees inne.
„Ein was?“
„Ein Alien. Türkis. Mit goldenen Punkten. Sah sehr freundlich aus.“
Die zweite Freundin stellt ihre Tasse ab.
„Ja, ja, du hast schon immer viel Fantasie gehabt.“
„Weißt du, meine Nichte hat ADHS“, sagt die dritte Freundin. „Die hat auch ständig tausend Sachen im Kopf und sieht Gespenster. Hast du mal überlegt, ob du das vielleicht auch hast? Das wird doch gerade auch bei vielen Erwachsenen diagnostiziert und Aliens zu sehen  könnte schon ein Symptom dazu sein.“

   Dein Plasmakörper, weiterhin durchsichtig, aber sehr am Thema interessiert, richtet sich auf.
Dich sieht ja niemand, du bist noch nicht einmal vorgestellt worden und bereits Teil einer Verdachtsdiagnose.

„Moment“, sagt die Freundin mit der Kaffeekanne. „ADHS bedeutet doch nicht, dass man Aliens sieht. Und Fantasie allein ist keine Diagnose.“
Die Gastgeberin verschränkt die Arme.
„Ich wollte euch eigentlich von meiner Begegnung erzählen.“
„Wir machen uns doch nur Gedanken, ob bei dir alles ok ist. Man weiß ja nie, in den Wechseljahren!“ Sie macht eine seltsame drehende Handbewegung mit dem Zeigefinger seitlich der Schläfe.

 Du schlägst deinen Reiseführer auf.
   „Freundinnen: Menschen, denen dein Wohlergehen am Herzen liegt. Manchmal so sehr, dass sie schon nach einer Erklärung suchen und bereits besser wissen, was du sagen wolltest, während du selbst noch versuchst, die Geschichte zu erzählen.“

„Aber weiß eine von euch was ADHS genau ist? Es wird ja gerade in den Medien tatsächlich inflationär gehandelt.“
„ADHS betrifft die Zusammenarbeit bestimmter Netzwerke im Gehirn“, erklärt die Freundin. „Nervenzellen tauschen über ihre Kontaktstellen, die Synapsen, Signale aus. Dabei spielen Botenstoffe eine Rolle. Bei ADHS arbeiten die Bereiche im Gehirn, die Aufmerksamkeit, Planung und Impulse steuern, etwas anders zusammen. Deshalb kann jemand genau wissen, was er tun möchte, und trotzdem Schwierigkeiten haben, anzufangen, dranzubleiben oder er versucht alles auf einmal zu tun.“

   Du bist erleichtert. Menschen sind offenbar doch keine Stehlampen.

„Und was bedeutet das im Alltag?“
„Dass es schwerfallen kann, Aufmerksamkeit zu steuern, Aufgaben anzufangen und zu organisieren oder Impulse zu bremsen. Manche sind äußerlich unruhig, bei anderen geht es vor allem im Kopf rund und wieder andere müssen sich ständig bewegen, so, als ob sie jeder Idee in ihrem Kopf sofort eine Handlung folgen lassen.“
„Obwohl sie sich Mühe geben ruhig zu sein?“
„Ja.“

„Meine Nichte hat ADHS“, sagt die Freundin. „Wenn die erzählt, komme ich manchmal kaum hinterher. Wir sprechen noch über den Urlaub, und sie hat gedanklich bereits ein Café eröffnet, ein Kinderbuch geschrieben, von einem Traum berichtet und das Schulsystem umgebaut.“
„Klingt nach einem anstrengenden Austausch“, sagt die Gastgeberin und die Frauen lachen.

Du merkst inzwischen, dass zwei Ohren für diese Kaffeerunde etwas knapp bemessen sind. Während eine noch erzählt, ergänzt die nächste bereits etwas, und die dritte beginnt mit „Das erinnert mich an …“ eine weitere Geschichte.

Vorsichtig fächerst du deine durchsichtigen Hörorgane auf und richtest jeder Frau einen feinen Wahrnehmungsfühler zu. Mit einem weiteren versuchst du zu erfassen, was zwischen den Worten mitschwingt. Dieser ist sofort voll ausgelastet.

Dann verlegst du den Mittelpunkt deiner Wahrnehmung direkt über die Kaffeekanne. Von hier aus kannst du allen gleichzeitig folgen.
Dein Reiseführer hatte vor widersprüchlichen Regierungserklärungen gewarnt. Eine Kaffeerunde mit vier Freundinnen wurde eindeutig unterschätzt.

„Sie hat wirklich tolle Ideen. Als Kind hat sie aus Verpackungen ganze Landschaften gebaut. Mit Geschichten, Bewohnern und einer eigenen Verkehrsordnung. Aber ihr Schulranzen sah aus, als hätte dort eine kleinere Naturkatastrophe stattgefunden.“
„Und worüber wurde mehr gesprochen?“, fragt die Gastgeberin. „Über die Landschaften oder den Schulranzen?“
Die Freundin überlegt kurz. „Ich glaube interessanterweise über den Schulranzen, weil der alle genervt hat.“

   Du notierst: „Die Bewohner entdecken ein ganzes Universum im Kopf eines Kindes und besprechen zunächst die fehlende Ordnung in der Tasche.“

„Natürlich musste sie auch lernen, ihre Sachen in Ordnung zu halten und wiederzufinden“, sagt die Freundin. „Aber irgendwann bestand ihr Tag gefühlt nur noch aus: Sitz still. Hör zu. Träum nicht. Fang endlich an. Mach erst mal das hier fertig. Konzentrier dich doch mal. Hibbel doch nicht so rum“

„Da lernt man als Kind vor allem, dass man offenbar ständig falsch ist und die Welt etwas anderes von einem will, als man zu bieten hat; echt frustrierend“, sagt die Gastgeberin.

    Du schaust auf die Frauen.
Auf deinem Heimatplaneten würde man sich zuerst fragen, was dieses Wesen ausmacht. Was seine Aufmerksamkeit weckt. Was es für Fragen hat, was es braucht und was es bereits mitbringt.
Hier scheint die erste Frage zu lauten, wie man es dazu bekommt, dasselbe zur selben Zeit auf dieselbe Weise zu tun wie alle anderen und sich möglichst anzupassen, um nicht aufzufallen.

„Was mich daran ärgert“, sagt die Gastgeberin, „ist im Grunde dieser Widerspruch. Überall werden kreative Köpfe gesucht. Menschen, die Neues wagen und ungewöhnliche Lösungen finden. Aber wehe, ein Kind denkt ungewöhnlich und kreativ. Da geht es um Anpassung und Ordnung, brav sein und still sitzen, und der Schulranzen wird wichtiger als das Gefühl des Kindes. Man sieht gar nicht das Potenzial, das dahinter stecken könnte, sondern nur, dass das Verhalten nicht passt.“

   Du freust dich über das was sie sagt so sehr, dass deine goldenen Punkte kurz hell aufleuchten. Du nimmst dich schnell zurück, denn mit der Unsichtbarkeit ist es sonst vorbei. Deine Tarnung hat eine Schwachstelle: Begeisterung.

„Wir wünschen uns selbstständige lebendige und selbstbewusste Menschen“, fährt sie fort, „und werden nervös, sobald sie unsere Vorgaben oder Erziehung durchbrechen und sich nicht anpassen können. Wir möchten Erfindergeist. Möglichst angepasst, mit gut lesbarer Handschrift und ohne Unterbrechung des Unterrichts.“

   Du schreibst: „Ungewöhnliche Ideen werden besonders geschätzt, sobald sie erfolgreich sind. Während ihrer Entwicklung gelten sie gelegentlich als störend.“

„Aber ADHS macht dich doch nicht automatisch kreativ, es kann doch auch ausgesprochen nervig und anstrengend sein“, wirft eine Freundin ein.
„Ja, da hast du recht. Meine Nichte ist auch nicht jeden Tag ein wandelndes Ideenfeuerwerk. Manchmal ist sie einfach erschöpft. Ich möchte nur, dass ihre Fähigkeiten genauso gesehen werden wie ihre Schwierigkeiten und sie einfach so sein darf, wie sie ist. Sie ist ja nicht falsch, sondern ihre Gedanken sind einfach anders verknüpft.“

   Das leuchtet dir ein.
Wer einfallsreich ist, darf Hilfe beim Organisieren brauchen. Wer ungewöhnliche Zusammenhänge erkennt, muss nicht zugleich eine Steuererklärung bewältigen – (ein irdisches Verfahren, bei dem offenbar selbst die vielseitigsten Köpfe gelegentlich jemanden brauchen, der weiß, was in Zeile 37 gehört.)

Und jemand kann seine eigene Art zu denken lieben, nutzen und trotzdem an manchen Alltagssituationen verzweifeln.
Du hast schon viele Planeten besucht. Auf keinem wurde die Vielfalt eines Wesens danach beurteilt, ob sie sich fehlerfrei in ein Formular eintragen lässt.

„Und was ist mit den Medikamenten?“, fragt eine Freundin. „Man kann dieses Chaos im Kopf ja ruhigstellen. Es geht ja auch darum, dass die anderen endlich ihre Ruhe vor so unruhigen anstrengenden Nervensägen haben?“

„Diese Sicht gefällt mir gar nicht, dabei geht es ja nur um Anpassung an unsere alte enge Welt“, sagt die Gastgeberin.
„Meine Nichte sagt allerdings, dass die Medikamente ihr selbst helfen“, erwidert ihre Freundin. „Sie kann etwas entspannen, ihre Ideen besser umsetzen, statt ständig zwischen ihnen hängen zu bleiben. Das möchte ich ihr nicht ausreden. Andererseits ist es auch nicht gut, dass die Medikamente die Grundlage für eine lebenslängliche Abhängigkeit schaffen, die Lebensfreude dämpfen und die innere Begeisterung für das Leben lähmen.“

„Natürlich nicht. Die Frage ist doch, ob jemand mehr Freiheit für sein eigenes Leben gewinnt. Und ob wir gleichzeitig bereit sind, als Gesellschaft die Sicht zu ändern und jeden Menschen akzeptieren können, wie er ist, mit seinem ganzen Potenzial und seiner inneren Beweglichkeit und der Möglichkeit, die Dinge „out oft he box“ zu betrachten.“

   Du nickst, unsichtbar, aber mit einigen kleinen aufflackernden Leuchtpunkten.

„Eine Tablette kann das niemals heilen, eine passende Behandlung kann dennoch entlasten. Beides darf bedacht eingesetzt nebeneinander Platz haben. Unterstützung sollte einem Menschen helfen, sein Leben zu führen. Unauffälligkeit und Anpassung, damit die anderen Ruhe haben, sollten dabei aber eben keine Maßstäbe sein.“

„Bei Autismus ist es doch so ähnlich. Da haben wir auch solche fertigen Bilder“, sagt eine Freundin. „Entweder das hilflose Kind oder das Genie, das ganze Telefonbücher auswendig kennt und in Sekundenschnelle rechnen kann.“

„Dazwischen scheint in manchen Köpfen wenig Vorstellung von Autismus zu herrschen“, bemerkt die Gastgeberin. Sie erzählt von einer jungen Frau, die sich leidenschaftlich mit einem bestimmten Thema beschäftigt. Die sich Details merkt und Zusammenhänge entdeckt, die anderen entgehen. Sie kann dir zum Beispiel einen Stadtplan exakt nachzeichnen, ohne die Stadt je gesehen zu haben. Gleichzeitig können sie Lärm, unklare Absprachen, aufwallende Gefühle und unerwartete Veränderungen stark belasten.

„Dann heißt es in der Umgebung ganz schnell, sie sei schwierig.“
„Und ihre Gefühle?“
„Die können sehr intensiv sein. Nur erkennt man von außen nicht immer, was in ihr vorgeht. Manche Menschen brauchen Zeit oder andere Wege, um ihre Empfindungen auszudrücken.“

   Du schaust an dir herunter. Deine Gefühle würden für jeden sichtbar golden leuchten, umso mehr, je intensiver das Gefühl wäre. Die Menschen haben andere Ausdrucksformen. Es wäre ziemlich ungenau, jemandem ein inneres Erleben abzusprechen, nur weil man seine Sprache dafür nicht versteht.

„Und nicht jeder autistische Mensch hat eine außergewöhnliche Spezialbegabung“, sagt die Freundin. „Manche brauchen sehr viel Unterstützung und auch Raum für sich, in unserer anstrengenden und schnellen Welt.“

„Gar nicht so einfach das zu leisten“, antwortet die Gastgeberin. „Ich finde aber, wir müssen doch nicht erst beweisen, dass jemand nützlich oder genial ist, bevor wir ihm einen Platz in der Familie oder Gesellschaft zugestehen. Leben sollte doch, ganz gleich wie, selbstverständlich sein dürfen, in jeder Form“

   Jetzt leuchtest du beinahe aus Versehen auf.

„Wartet mal“, sagt die Gastgeberin und steht auf. „Dazu habe ich ein tolles Buch.“
Sie legt es zwischen Kaffeekanne und Kuchenteller. „Die unglaubliche Welt genialer Menschen mit Autismus“ von Ulrich Merkl.

   Neugierig entfaltest du deinen Sinnfächer, ein feines Wahrnehmungsorgan hinter deinen Fühlern. Du richtest ihn auf das Buch und erfasst innerhalb weniger Sekunden die Gedanken und Zusammenhänge zwischen den beiden Buchdeckeln.
Menschen müssen dafür jede Zeile einzeln mit den Augen entlangwandern. Eine erstaunlich geduldige Spezies. Du klappst deinen Sinnfächer wieder ein. Das Buch ist erfasst. Die Frauen sind noch beim Titel.

Eine Freundin liest die Namen außen auf dem Umschlag.
„Mozart, Beethoven, Darwin, Einstein, Marie Curie … Das ist ja eine ziemlich beeindruckende Kaffeerunde.“

   Du rückst vorsichtshalber etwas zur Seite. Falls noch jemand kommt.

„Der Autor betrachtet ihre Lebensgeschichten im Zusammenhang mit Autismus“, erklärt die Gastgeberin. „Bei historischen Persönlichkeiten sind das natürlich nachträgliche Deutungen. Wir können sie heute nicht mehr untersuchen, aber es ist sehr interessant, dass immer die außergewöhnlichen Menschen die Entwicklung der Welt vorangebracht haben, eben Vordenker waren. Nicht etwa die braven gut angepassten, die ihren Schulranzen immer gut aufgeräumt hatten! Das Buch stellt eine interessante Frage: Was haben wir bei ungewöhnlichen Menschen für eine störende Eigenart gehalten, während sich darin im Laufe der Biografie eine besondere Fähigkeit ausdrücken konnte? Verstehen können wir das erst jetzt, rückwärts. Man versteht ja das Leben immer erst in der Retroperspektive!“

Eine Freundin streicht über den Buchdeckel.
„Schon merkwürdig. Wir bewundern Menschen dafür, dass sie völlig neue Gedanken hatten. Aber wenn jemand neben uns völlig anders denkt, finden wir ihn erst einmal anstrengend. So wie dich, mit deinem Alien.“
„Besonders, wenn er unsere eigenen gewohnten Abläufe und Weltbilder durcheinanderbringt“, ergänzt die Gastgeberin lachend.

    Du schlägst deinen Reiseführer auf und machst eine Notiz:
„Die Menschen verehren ungewöhnliche Köpfe. Im unmittelbaren eigenen Umfeld bevorzugen sie häufig die pflegeleichtere Ausführung.“

„Es muss auch nicht jeder gleich ein zweiter Mozart werden“, sagt eine Freundin und nimmt sich noch etwas Kuchen.
„Bitte nicht“, antwortet die Gastgeberin. „Sonst verlangen wir am Ende für ein bisschen Verständnis erst eine fertig komponierte Oper. Aber am Ende ist ja irgendwie jeder genial, auf seine Weise!“

   Das Buch auf dem Tisch wird zu einer Einladung, genauer hinzusehen: Welche Fähigkeiten entdecken wir erst, wenn wir aufhören, ausschließlich nach der Abweichung zu suchen? Du findest diesen Gedanken ausgesprochen vernünftig.

Menschen dürfen unterschiedlich begabt, unterschiedlich belastbar und unterschiedlich auf Unterstützung angewiesen sein. Ihre Zugehörigkeit muss deshalb nicht jedes Mal neu verhandelt werden.

   In deinen Reiseführer schreibst du:
„Ungewöhnliches Denken kann die Welt bereichern. Es wäre hilfreich, wenn die Bewohner das schon vor der Verleihung des Nobelpreises berücksichtigen.
   Auf deinem Heimatplaneten heißt der Nobelpreis „Goldene Spiralgalaxie“ – eine Auszeichnung für Gedanken, die allen neue Dimensionen eröffnen.

Zur Jury gehören eine uralte Sternenreisende, die meist als Kugel erscheint, ein noch sehr junges Wesen mit unverschämt guten Fragen und eine leuchtend pulsierende Lebensform, die grundsätzlich aus mehreren Perspektiven gleichzeitig schaut. Ein Platz bleibt für jemanden frei, der vom jeweiligen Thema noch überhaupt keine Ahnung hat. Damit auch Fragen gestellt werden, für die sich die anderen längst zu klug halten.
Besonders geschätzt werden Erkenntnisse, nach denen die Jury zugeben muss: „So haben wir das noch nie betrachtet.“

„Was ich schön finde“, sagt eine Freundin, „ist, dass Menschen heute offener über all diese Themen sprechen. Früher war man einfach hinter vorgehaltener Hand „nicht ganz dicht“, krank, und hatte damit den Diagnose Stempel. Aber sogar bekannte Schauspieler und Künstler stehen heute offen, ja fast stolz dazu, ADHS zu haben oder Autist zu sein. Das kann anderen und uns allen Mut machen. Uns so zu zeigen, wie wir sind.“

„Ja“, sagt die Gastgeberin. „dann wird es einfach gesellschaftsfähig „anders“ zu sein. Ich muss mich nicht verstecken. Jeder ist ein Mensch wie jeder andere und irgendwann braucht man nicht mehr darüber reden, weil wir allmählich aufhören, von allen dieselbe Innenausstattung zu erwarten .“

„Hoffentlich wird daraus nur nicht die nächste schräge Erwartung: Du hast ADHS oder bist Autist? Dann zeig mal deine geniale Seite.“

     Du öffnest deinen Reiseführer und notierst:
„Die Menschen entdecken, dass es mehr Möglichkeiten gibt, Mensch zu sein, als ihre Vorstellung von ‚normal‘ bisher zuließ. Gelegentlich erwarten sie allerdings, dass jemand sein Anderssein durch besondere Genialität rechtfertigt. Offenbar darf man aus der Reihe tanzen, wenn man dabei einen Preis gewinnt.“

   Darunter ergänzt du:
„Für weitere Begegnungen mit Menchen empfohlen: neugierig bleiben. Ein Wesen darf einfach so sein wie es ist, ohne dafür eine Erfindung oder ein Zertifikat vorlegen zu müssen. Alles ist Schöpfung und vollkommen ok.“

„Es gibt doch gerade auch so einen allgemeinen Hype zum Thema Neurodiversität, überall gibt es Filme und Arbeitsgruppen an Schulen und Unis zu dem Thema“, sagt eine schließlich. „Das klingt nach einer Fortbildung mit schlechten belegten Brötchen.“ Die Gastgeberin lacht.
„Dabei geht es um etwas ziemlich Lebendiges: nämlich genau darum, dass wir endlich erkennen und akzeptieren, dass unsere Gehirne alle unterschiedlich arbeiten. Dass wir verschieden wahrnehmen, lernen und denken. ADHS und Autismus gehören zu diesem Thema. Aber das Wort Neurodiversität selbst ist noch viel komplexer und keine Diagnose.“

„Also gibt es kein einheitliches Modell Mensch?“

   Du bist erleichtert. Die Runde nähert sich einer Erkenntnis, die auf deinem Heimatplaneten bereits beim Begrüßen berücksichtigt wird.

„Wir erwarten schon ziemlich viel auf einmal“, sagt eine Freundin. „Jemand soll gute Ideen haben, aber bitte beim Thema bleiben. Gründlich nachdenken, aber schnell antworten. Außergewöhnlich sein, aber bloß nicht anstrengend. Und selbstverständlich Ordnung in seiner Bürokratie halten. Wie soll das gehen?“

   Du prüfst die Aufzählung. Eine bemerkenswerte Mischung aus Begabung, Geschwindigkeit und Büroorganisation.

„Mein Bruder kann aus ein paar Brettern etwas bauen, bei dem ich nur staune“, sagt eine. „Aber wehe, er soll ein Formular ausfüllen.“
„Und ich brauche manchmal eine Nacht, bis ich weiß, was ich in einem Gespräch eigentlich sagen wollte.“ „Das kenne ich. Meine besten Antworten kommen beim Zähneputzen oder morgens beim Duschen.“

„Bei mir sind es die Zahlen“, sagt die Gastgeberin plötzlich. „Was ist mit denen?“
„Ich erlebe sie als Farben. Aber ein richtiges Zahlengefühl, wie alle anderen, habe ich glaube ich nicht. Als Mengen oder Beträge bleiben sie für mich leer. Ich sehe die Zeichen, aber sie sagen mir nicht selbstverständlich das, was ihr offenbar darin erkennt, so als ob sie in meinem Kopf zweidimensional bleiben, sie bekommen keine Tiefe.“
„Auch auf einem Kontoauszug?“

„Gerade da. Und eine Steuererklärung wird dadurch auch nicht verständlicher.“

   Du dehnst deinen Plasmakörper interessiert auf. Dieselben Zeichen auf demselben Papier – und innerlich entstehen ganz unterschiedliche Wahrnehmungen.

„Zahlen als Farben“, sagt eine Freundin. „Das klingt eigentlich schön, aber auch schräg.“
„Ist es auch. Nur möchte das Finanzamt leider wissen, wie viel, und nicht, ob die Zusammenstellung farblich gelungen ist.“
Die Frauen finden es ausgesprochen ungewöhnlich und sind interessiert.

„So habe ich darüber noch nie nachgedacht“, sagt eine. „Für mich steht da ein Betrag, und ich habe sofort eine Vorstellung davon, vielleicht ein Gefühl für Menge.“
„Eben. Bei mir entsteht diese Vorstellung nicht, sondern ich sehe ein inneres Farbspiel. Wenn du dann sagst: Schau doch genau hin, hilft mir das wenig. Ich schaue ja hin.“

„Dabei kannst du ganze Bücher schreiben und komplizierte Gedanken verständlich machen“, sagt eine Freundin.
„Ja. Das kann ich, und mit beiden Händen gleichzeitig schreiben, mit dem gleichen Schriftbild, tolle Bilder malen und noch Vieles mehr. Und mit diesen Zahlen macht mein Gehirn etwas anderes und ich brauche Hilfe, wenn es um die Bedeutung geht.“

   Dein Plasmakörper wabert ein Nicken, was natürlich nicht gesehen wird. Allmählich wird an diesem Tisch deutlich, wie wenig eine einzelne Schwierigkeit über einen ganzen Menschen aussagt. Begabungen werden nicht ungültig, weil an anderer Stelle Unterstützung nötig ist.

   Du ergänzt deinen Reisebericht:
„Menschliche Fähigkeiten unbedingt einzeln kennenlernen. Wer mit Zahlen wenig anfangen kann, hat deshalb keineswegs wenig zu sagen.“

„Dann geht es auch darum, was wir überhaupt als intelligent oder klug erkennen“, sagt die Gastgeberin. „Manche können sich wunderbar ausdrücken. Andere sehen sofort, warum etwas nicht funktioniert. Wieder andere finden eine Lösung, auf die keiner gekommen wäre.

Und wer in einer Besprechung nichts sagt, hat deshalb nicht automatisch nichts zu sagen.
Man könnte ihm hinterher Gelegenheit geben, seine Gedanken aufzuschreiben.“

   Du nickst wieder ganz begeistert und einzelne Goldpunkte flackern auf. Zum Glück sieht es niemand. Durchsichtigkeit hat im gesellschaftlichen Austausch gewisse Nachteile.

Inzwischen ist die Kaffeekanne fast leer.
„Also“, sagt die Gastgeberin, „ob ich ADHS habe, wisst ihr jetzt genauso wenig wie vorher, aber immerhin halte ich andere Dinge für möglich als ihr bisher, und sehe viele Farben, wo ihr euren Kontostand seht.“
Die Freundinnen lachen. „Stimmt.“

„Über den Besuch vom Alien würde ich euch trotzdem gern noch berichten, egal in welche Kategorie ich dadurch bei euch rutsche.“

    Du freust dich so sehr, dass dir die Durchsichtigkeit für einen Augenblick entgleitet.
Zwei goldene Punkte leuchten über dem freien Stuhl. Dann ein türkisfarbener Schimmer.

Die Freundin mit der Kaffeekanne blinzelt. „Sagt mal … seht ihr das auch?“

Über dem freien Stuhl schweben goldene Lichtpunkte. Dann zeichnen sich zwei Fühler ab, deine Hörorgane, ein türkisfarbenes Gesicht und ein etwas verlegenes Lächeln.
   Du seufzt. Unauffällige Forschung gehört offenbar nicht zu deinen besonderen Begabungen. Du hast dich einfach zu sehr darüber gefreut, wie viel Platz in diesem Gespräch für unterschiedliche Wesen entstanden ist.
   Nun wirst du herausfinden, ob dieser Platz auch für dich reicht.
Vorsichtig verdichtest du deine Gestalt.

Vier Frauen schauen dich mit weit aufgerissenen Augen an. Die Kaffeekanne verharrt in der Luft. Zum ersten Mal in dieser Runde spricht niemand gleichzeitig. Es spricht überhaupt niemand.
„Guten Tag“, sagst du freundlich. „Bevor ihr mich einordnet: Hättet ihr noch eine Tasse für mich?“

Die Gastgeberin beginnt zu lachen. Erst leise, dann so herzlich, dass deine goldenen Punkte noch heller werden.
„Ich habe es euch doch gesagt.“ Sie steht auf und holt eine Tasse. Eine Freundin rückt ihren Stuhl zur Seite und beugt sich unauffällig zu dir herüber. Sie atmet etwas tiefer ein. Dann noch einmal. Du erkennst den Versuch. Offenbar möchte ihre Nase überprüfen, was ihre Augen noch nicht recht glauben.

   Für deine Reise hast du einen möglichst neutralen Eigengeruch gewählt. Lediglich eine feine Note von warmem Sternenstaub ist geblieben.
„Du riechst irgendwie …“, beginnt sie. Du wartest interessiert.
„… gar nicht so, wie ich dachte.“
   Du fragst dich kurz, welchen Geruch sie für angemessen gehalten hätte, möchtest die beginnende Freundschaft aber nicht unnötig belasten.

   Die nächste Freundin schiebt dir den Kuchenteller hin. Dabei streift ihr Handrücken unauffällig aber absichtlich deinen Unterarm. Deine schimmernde Oberfläche gibt sanft nach und antwortet mit einem leisen, hellen „Pling“.
Die Hand bleibt in der Luft stehen.
„Warst du das?“
   Du nickst.
„Entschuldige“, sagt sie. „Ich wollte nur …“
„Feststellen, ob ich auch da bin, wenn man mich anfasst?“
Sie lächelt ertappt.
„Darf ich noch mal?“
   Du hältst ihr deinen Arm hin. Vorsichtig legt sie einen Finger darauf. Dein Plasmakörper fühlt sich warm, weich und geschmeidig an. Unter ihrer Berührung wandert ein goldener Lichtkreis über deine Haut.
Wieder ein leises „Pling“.
„Wie schön“, flüstert sie.
   Du freust dich. Weitere Punkte leuchten auf.
Die erste Begegnung verläuft erfreulich. Allerdings wirst du gerade gleichzeitig beschnuppert, betastet und versehentlich als Handschmeichler entdeckt.

Die Gastgeberin stellt deine Tasse ab und deutet auf den Kuchen.
„Isst du so etwas?“ sagt sie und schiebt dir den Kuchenteller hin.
Du betrachtest das Gebilde mit Interesse.
„Was davon isst man? Den Teller?“
„Nein, nur das obendrauf. Der Teller bleibt übrig.“
   
   Du nickst aufmerksam. In deinem Reiseführer notierst du:
„Beim Essen wird nur ein Teil des Angebots in den Körper aufgenommen. Welcher, gilt unter Einheimischen als selbstverständlich. Vor dem ersten Versuch unbedingt nachfragen.“

„Was genau ist Kuchen? Und was bedeutet essen?“
„Du nimmst ein Stück in den Mund, kaust und schluckst es. Dein Körper gewinnt daraus Energie.“ Du schaust vom Kuchen zu den Frauen.
„Ihr müsst also Teile eures Planeten in euch hineinlegen, damit ihr weiterleben könnt?“
Die Freundin hält ihre Gabel in der Luft. „Ja, so habe ich das noch nie betrachtet.“
„Mein Plasmakörper nimmt Energie unmittelbar auf“, erklärst du.
„Nach dem dritten Stück“, sagt die Gastgeberin grinsend, „essen wir auch hauptsächlich aus anderen Gründen.“

   Du notierst:
„Kuchen: eine Form menschlicher Zuwendung, die durch den Magen gereicht wird. Offenbar kann man damit auch dann noch Freude aufnehmen, wenn der Energiebedarf längst gedeckt ist.“

 Noch wissen die Frauen wenig über dich. Sie kennen weder deine Herkunft noch die Funktionsweise deiner Fühler. Auch die Frage, ob du beim Trinken durchsichtig bleibst und man dem Kaffee anschließend zusehen kann, wenn er in dich hineinläuft, steht unausgesprochen im Raum.
Aber du sitzt mit am Tisch.
Niemand musste dich erst vollständig verstehen, um dir einen Platz anzubieten.

   Später öffnest du deinen Reiseführer und ergänzt:
„Die Menschen entdecken, wie viel Vielfalt ihr Zusammenleben bereichern kann. Besonders erfreulich wird es, wenn sie ihre guten Gedanken im entscheidenden Augenblick auch anwenden.“
Darunter schreibst du:
   „In dieser Küche durfte heute ein ungewöhnliches Wesen sichtbar werden. Es wurde zunächst weder untersucht noch verbessert. Es bekam Kaffee.“

   Und während du vorsichtig den ersten Schluck probierst, denkst du: So könnte es weitergehen auf diesem Planeten.
Die Welt wird weiter, wenn an unseren Tischen auch Platz für Menschen und Wesen ist, die nicht in unsere alten Vorstellungen passen.

   „Ach übrigens, ich heiße Yumo. Für heute ziehe ich meine Fühler ein!
Eigentlich wollte ich längst weiterfliegen. Aber euer Planet wirft schneller Fragen auf, als ich sie notieren kann. Ich bleibe also noch ein bisschen.

   Bisher bin ich mit euren Gedanken gereist. Vielen Dank fürs Mitnehmen! Inzwischen hat mein Plasmakörper genügend Gestalt angenommen, um eure Welt mit eigenen Fühlern zu erkunden. Ich kann sichtbar werden, durchscheinend bleiben oder schweben. Nur meine goldenen Punkte leuchten bei Freude ungefragt auf. Für unauffällige Forschungsreisen ist das gelegentlich hinderlich.
Ihr dürft natürlich gerne mitreisen. In meinem Reisetagebuch ist noch viel Platz. Bringt eure Neugier mit – die wiegt selbst in der vierten Dimension nichts.

   Und wenn ich unterwegs eine Pause brauche, materialisiere ich mir einen Stuhl. (Schweben ist für mich zwar sehr entspannend, aber die Menschen schauen dann immer unter mich, um herauszufinden, wie ich das mache und wollen eine Anleitung!)

   Ich hinterlasse euch ein Leuchten. Bis eure Zeit wieder eine Falte schlägt und wir uns darin begegnen! Auf meinem Planeten gilt das bereits als Verabredung für heute in zwei Wochen. Also, bis dahin ….!

Alles Liebe und einen Sonntag mit neugierigen Begegnungen,
ganz gleich welcher Art,
deine Stefanie