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Vorsicht Baustelle!

Humor bringt uns jenen Abstand,
der einen anderen Blick
auf das menschliche Drama ermöglicht. 

 

 

Und plötzlich staunen wir über Dinge, die wir gestern noch für selbstverständlich hielten.

 

VORSICHT Baustelle – Umbau bei laufendem Betrieb.
Kleine Gebrauchsanweisung:

Für den heutigen Ausflug bist du selbst der außerirdische Besucher. Dein Verstand darf mitkommen, seine Krawatte lockern und gelegentlich über sich selbst lachen. Solltest du dich unter den beobachteten Menschen wieder erkennen, funktioniert dein Wahrnehmungsgerät einwandfrei.

Stell dir vor, du bist seit einigen Jahrtausenden im Universum unterwegs. Du kennst Planeten, auf denen Gedanken als bunte schwingende Blasen über den Köpfen schweben, und eine Galaxie, in der man sich zur Begrüßung kurz ineinander auflöst. Sehr herzlich dort. ….. Abschiede dauern allerdings.

Du hast gerade eine angenehm türkisfarbene Gestalt angenommen. Für längere Reisen bevorzugst du etwas ohne Knie. Knie sind eine interessante Erfindung, aber im interstellaren Verkehr weitgehend überflüssig und störend. Am Rand eines Sonnensystems fällt dir eine kleine blaue Kugel auf. Du schaust in deinen Reiseführer.

„Erde. Symbiotischer Organismus. Wasserreich. Große Artenvielfalt. Bemerkenswerte Sonnenuntergänge. Bewohner befinden sich in einem anhaltenden Klärungsprozess. Nennen es Aufstieg.“

Darunter steht: „Bei Kontaktaufnahme auf Missverständnisse gefasst sein.“

Du näherst dich.

Aus der Entfernung sieht alles wunderbar aus. Wolken ziehen über Meere, Kontinente liegen im Sonnenlicht. Die Erde reist mit ihrem Sonnensystem durch den Raum, eingebunden in größere Bewegungen. Du magst solche Orte. Auf deinem letzten Zwischenstopp bestand die bedeutendste Sehenswürdigkeit aus einem Stein, der alle achthundert Jahre seine Meinung änderte. Du warst leider einen Dienstag zu spät.

 

Je näher du kommst, desto mehr Bewegung erkennst du. Überall wuselt es. Unbekannte Geräte mit einem Energieantrieb, wie er bei euch vor ungefähr sieben Galaxienumdrehungen üblich war. Fluggeräte, Schiffe, Fahrzeuge. Die Bewohner transportieren sich und ihre Dinge mit beachtlichem Aufwand hin und her. Offenbar ist grundsätzlich dort, wo sie gerade sind, noch von etwas zu wenig vorhanden. Dann bemerkst du Explosionen.

Du prüfst deine Wahrnehmungsorgane. Zwei hast du abgeschaltet, weil sie auf kosmischen Staub mit Schluckauf reagieren. Doch die Anzeige zeigt eindeutig: Die Bewohner zerstören ihre eigenen Lebensräume und andere Mitbewohner des Planeten.

Im Reiseführer steht: „Krieg.“ Sie töten einander. Organisiert. Mit eigens dafür hergestellten Geräten. Du bist sehr überrascht, denn das hast du im gesamten Universum noch nicht gesehen! Du siehst Menschen, die Kinder aus Trümmern tragen. Andere warten auf jemanden, der nicht zurückkommt. Was aus der Entfernung wie ein kurzes Aufleuchten aussah, ist aus der Nähe ein zerstörtes Leben.

Du möchtest es verstehen und blätterst im Reiseführer weiter.

„Krieg: Zustand, in dem Menschen ihre Vorstellungen von Zugehörigkeit, Besitz und Sicherheit mit Gewalt durchsetzen. Dabei zerstören sie Lebensgrundlagen, die alle Beteiligten brauchen. Die Entscheidung treffen häufig andere als diejenigen, die anschließend darunter leiden.“ Du schaust auf die Erde. Offenbar können sich diese Wesen einander so gründlich zu Fremden erklären, dass irgendwann ein Name, eine Sprache oder ein Geburtsort genügt, um im anderen einen Feind zu sehen.

Auf deinem Heimatplaneten gab es ebenfalls eine solche Zeit. Inzwischen gilt dort: Wer einen anderen vernichtet, verliert seine Würde und die Möglichkeit, sich selbst zu entwickeln. Diese Erkenntnis hat allerdings auch einige Galaxienumdrehungen gebraucht.

Unter „Überwindung“ findest du einen neueren Eintrag: „Frieden wird möglich, wo Menschen ihre Verbundenheit auch im Unterschied erkennen und ihrem Zusammenleben entsprechende Formen geben. Dazu gehören Schutz vor Gewalt, gerechte Vereinbarungen und die Bereitschaft, Macht zu begrenzen. Gute Absichten allein haben sich als unzureichende Baustoffe erwiesen.“

Du hältst inne. Dass sich die Erde im Wandel befindet, rechtfertigt keinen Krieg. Hier leiden Menschen, verlieren ihr Zuhause und ihre Angehörigen. Sie brauchen Schutz, Hilfe und Menschen, die sich dafür einsetzen, die Gewalt zu beenden.

Zum tieferen Wandel gehört deshalb eine Erkenntnis: Solange Menschen andere bedrohen und unterdrücken, um sich selbst sicher zu fühlen, entstehen neue Angst, Wut und Gegengewalt. Dauerhafter Frieden braucht Bedingungen, unter denen alle sicher leben können.

Du ergänzt deinen Reiseführer mit einer roten Notiz am Rand: „Diese Bewohner müssen lernen, denselben Planeten zu bewohnen, ohne in allem derselben Meinung zu sein. In einer Wohngemeinschaft sprengt man schließlich auch nicht die Küche, weil jemand seinen Kaffee anders trinkt.“

Du suchst im Reiseführer nach vergleichbaren Vorgängen auf anderen bewohnten Welten. – Keine Einträge.

Stattdessen findest du einen Hinweis: „Unter den bewusst verbunden lebenden Wesen des Universums ist das gegenseitige Töten unbekannt. Sie erkennen sich als Ausdruck desselben Lebens. Ein anderes Wesen zu verletzen bedeutet für sie, das Ganze zu verletzen, dem sie selbst angehören.“

Du versuchst, das Geschehen in deine galaktische Logik zu übersetzen. Auf deinem Heimatplaneten käme niemand auf die Idee, ein anderes Wesen zu vernichten. Das wäre so, als würdest du ein Loch in dein eigenes Raumschiff schießen, weil dir dein Sitznachbar nicht gefällt. Anschließend könntest du ihm zufrieden erklären: „Die Luft entweicht übrigens auf deiner Seite.“

Du schaust wieder auf die Erde. Was dir auffällt: die Bedürfnisse aller Menschen ähneln sich. Sie alle brauchen Nahrung, Schutz, Zuwendung, wollen gesehen und geliebt werden. Ihre Kinder suchen Nähe. Dann entdeckst du Grenzen in ihren Köpfen. Auf dem Planeten gibt es von Natur aus keine sichtbaren Grenzen. In den Vorstellungen der menschlichen Bewohner scheinen sie sehr wichtig und nehmen gewaltigen Raum ein. Hier beginnt unser Land. Dort leben die anderen. Das gehört uns. So glaubt man richtig. So lebt man falsch.

Du schaust in deinem Reiseführer nach: „Besitz, Eigentum“ und findest: „Besitz, Eigentum: Unter Menschen auf dem Planet Erde verbreitete Vereinbarung, Teile des Planeten vorübergehend mit „Meins“ zu beschriften. Die nötigen Grenzen zeichnen sie auf Karten und verteidigen sie anschließend auf der Erde, die von dieser Aufteilung bislang nichts mitbekommen hat. Besonders bemerkenswert: Die Bewohner kommen bei Beginn ihres Lebens ohne Gepäck, reisen ohne Gepäck wieder ab und verbringen dazwischen erstaunlich viel Zeit damit, aufzupassen, dass niemand ihre Sachen, die mit „Meins“ gekennzeichnet sind, anfasst. Auf die Frage, wie ihnen ein Stück Erde gehören kann, während sie selbst nur kurz darauf zu Besuch sind, verweisen sie auf das Grundbuch.“

Auf einem Mond im Andromedanebel beanspruchten einmal zwei Völker jeweils die bessere Hälfte des Sonnenaufgangs. Der Streit endete, als jemand bemerkte, dass sich der Mond drehte. Hier auf der Erde scheint die Sache komplizierter zu sein.

Offenbar halten die Menschen die gedachten Grenzen tatsächlich für real. Du schaust wieder hinunter. Diese Menschen sind alle miteinander verbunden, während sie sich als getrennt erleben. Sie spüren ihren eigenen Schmerz unmittelbar. Der Schmerz der anderen bekommt eine andere Nationalität und einen fremden Namen und erscheint dadurch weiter entfernt.

Nun verstehst du, wie tief der Umbau reichen muss, der gerade stattfindet: bis in die Vorstellung davon, wer zum eigenen Leben gehört. Solange Verbundenheit an einer Grenze endet, bleibt sie an Bedingungen geknüpft.

Du notierst: „Frieden beginnt dort, wo das Gegenüber als Teil desselben Lebens erkannt wird. Von da an bedeutet Fürsorge für andere zugleich Fürsorge für das Ganze.“

 

Du sinkst tiefer zur Erde und empfängst Nachrichten. Millionen Stimmen erklären gleichzeitig, wer schuld ist und wer verschwinden muss, damit alles besser wird. Einige wollen zurück. Andere vorwärts. Viele wollen vor allem, dass die anderen sich bewegen.

Dein Bordcomputer meldet: „Überlastung durch widersprüchliche Gewissheiten.“ Du regulierst die Lautstärke.

Zwischen diesen Stimmen entdeckst du auch Menschen, die helfen. Sie teilen Essen, retten Tiere, halten Hände. Mitten im Durcheinander entstehen Nähe und Fürsorge. Du beschließt, genauer hinzuschauen und zoomst dich näher.

Ein Haus. Ein Fenster. Eine Küche.

Eine Frau sitzt vor einer Tasse Kaffee und schaut auf ihr Mobilfon. Du versuchst, ihren Namen zu erfassen. Dein Übersetzungsgerät liefert: Mama, Frau, Tochter, Schatz, zuständig, für alles verantwortlich, immer Schuld und „Kannst du gerade mal?“.

Ihre Tochter hat seit Tagen kaum geantwortet und sie wartete auf eine Nachricht. Der Partner sagt, es sei alles in Ordnung, während zwischen ihnen eine Stille wohnt, die inzwischen ein eigenes Zimmer beanspruchen könnte. Ihr Körper hat ebenfalls Änderungswünsche eingereicht. Und jetzt auch noch diese Rechnung.

„Ich weiß gerade auch nicht mehr weiter“, sagt sie.

Du kennst diesen Satz. Auf anderen Planeten klingt er anders, doch er taucht auf, wenn vertraute Erklärungen das eigene Erleben kaum noch erreichen.

Du betrachtest die unsichtbaren energetischen Verbindungen und Verstrickungen um diese Frau. Erwartungen, Erinnerungen, Verpflichtungen. Manche reichen zurück zu ihren Eltern und Großeltern. Dazwischen hängen Sätze wie alte Türschilder.

„Sei vernünftig.“
„Als Frau solltest du aber, ...“
„Eine gute Mutter macht das so.“
„Du kannst doch jetzt nicht einfach …“

Der letzte Satz wird offenbar weitergegeben, selbst wenn längst niemand mehr weiß, was genau man eigentlich nicht einfach kann.

Nun verstehst du, wie viel Lebenskraft sie aufwendet, um ihr Leben in der alten ihr vertrauten Ordnung zu halten.

Gleichzeitig scheint sich diese Ordnung gerade zu verändern.

Du schaltest dein Wahrnehmungsgerät auf Weitblick. In diesem Gedankenbild kannst du die energetischen Felder sehen: ihre Bewegung, ihre Verbindungen, ihre zunehmende Dynamik. Die Erde ist darin eingebettet. Ihre Bewohner gehören dazu, bis hinein in ihre Beziehungen und ihr persönliches Erleben.

Das Bild folgt der energetischen Sicht: Schwingungsfelder verändern und beschleunigen sich, und vertraute Muster verlieren ihre Tragfähigkeit. Die Matrix, die als sicheres und verlässliches energetisches Gefüge galt, ist gerissen und droht ganz auseinanderzufallen. 

Für dich, als weit gereisten Besucher, hat dieses Geschehen etwas Bekanntes. Entwicklung geschieht einfach, du kennst es aus dem gesamten Universum. 

Auf einem Planeten der Wega bestanden die Häuser aus einem Material, das auf die Vorstellungen seiner Bewohner reagierte. Als sich ihr Denken wandelte und sie ihre festen Weltbilder verloren, wurden die Wände weich. Zunächst versuchten sie, diese mit Verbotsschildern zu stabilisieren. „Diese Wand bleibt stehen!“ Das Material zeigte sich wenig beeindruckt.

Es gab eine schwierige Übergangszeit und einen Bürgermeister, dessen Amtszimmer während einer Grundsatzrede zur Terrasse wurde. Später entstanden beweglichere Häuser mit mehr Licht und Platz für Begegnungen. Doch während des Umbaus waren die Bewohner hauptsächlich damit beschäftigt, ihre Möbel zu suchen und machten Demos gegen den Wandel.

Du schaust zurück zur Erde.

Auch hier scheinen viele Menschen mitten in einem Umbau zu stehen, für den sie keinen Auftrag erteilt haben. Traditionen werden hinterfragt. Überlieferte Moralvorstellungen verlieren ihre Verbindlichkeit. Kirchliche und politische Ordnungen verlieren ihre Kraft und können in den neuen Energien keine Orientierung liefern. Familien zerfallen, viele fragen sich sogar, ob sie männlich oder weiblich oder was auch immer dazwischen sind. Berufe gibt es so gut wie keine mehr, weil keiner mehr Lust hat bei dem alten Spiel mitzumachen. 

In deinem Reiseführer fehlt eindeutig ein Hinweisschild:

VORSICHT BAUSTELLE.
Umbau bei laufendem Betrieb.

Denn diese Menschen müssen weiterleben, während sich ihre Welt verändert. Sie müssen arbeiten, Kinder begleiten, Rechnungen bezahlen. Gleichzeitig steht innerlich das Sofa im Flur, die Küche ist ausgebaut und jemand sucht seit Wochen den Hauptschalter.

Natürlich sind sie genervt und überfordert. Natürlich wünschen sie sich einen einzigen Tag, an dem alles dort steht, wo es gestern noch war.

 

Du beginnst zu begreifen, warum das Alte so anziehend sein kann. Es war vertraut. Man kannte die niedrigen Türen und wusste, wann man den Kopf einziehen musste. Irgendwann hielt man das gebückte Gehen für die natürliche Körperhaltung.

 

Jetzt wird eine Wand geöffnet, und zunächst kommt Staub herein.

Vom späteren Licht ist noch wenig zu sehen.

Die Frau am Küchentisch kennt ihre bisherigen Aufgaben genau. Sie hat sich gekümmert, angepasst, Verantwortung übernommen. Darin lagen auch Anerkennung und Zugehörigkeit. Nun funktioniert manches davon kaum noch, und die Fragen reichen tiefer als bis zur nächsten Tagesplanung.

Wer bin ich, wenn ich weniger gebraucht werde?

Was trägt mich, wenn Zustimmung ausbleibt?

Welchen Sinn möchte ich meinem Leben geben?

Du erkennst: Hier wird auch an ihrem Selbstverständnis gebaut.

 

Dabei suchen viele Bewohner sofort nach neuen festen Vorgaben. Sie wünschen sich Freiheit und fragen nach einer verbindlichen Gebrauchsanweisung. Auch in spirituellen Kreisen werden neue Gewissheiten und unzählige Verschwörungstheorien hereingetragen. Diesmal mit Räucherstäbchen.

Du notierst: „Großes Bedürfnis nach Orientierung. Neigung, Hinweisschilder anzubeten.“

Aus Erfahrung weißt du jedoch: Ein Schild ersetzt kein bewohnbares Haus. Und wer sämtliche alten Wände an derselben Stelle wieder aufstellt, hat nach viel Arbeit denselben engen Grundriss.

 

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie möchten diese Menschen künftig miteinander leben? Welche Verbindungen tragen auch ohne Gehorsam und Autorität? Wie entsteht Zugehörigkeit, wenn Menschen verschieden sein dürfen? Was wird aus Verantwortung, wenn sie aus eigener Überzeugung übernommen wird?

Du blickst wieder durch das Küchenfenster.

Die Frau liest die Nachricht, die sie ihrer Tochter schreiben wollte. Drei Absätze darüber, was sich gehört, gefolgt von: „Ich meine es doch nur gut mit dir.“

Sie hält inne.

Dann löscht sie den ganzen Text und schreibt: „Ich merke, dass ich dich vermisse. Wie geht es dir eigentlich?“

 

Du beobachtest eine kleine Veränderung im Grundriss ihrer Beziehung. Wo bisher eine übergriffige Erwartung stand, entsteht eine kleine Öffnung. Die Tochter bekommt Raum für eine eigene Antwort.

So kann das Leben nach einem Umbau besser werden: Beziehungen lassen mehr Luft. Aufgaben werden bewusster gewählt. Menschen müssen sich weniger verbiegen, um einen Platz zu finden. Was vorher Kraft kostete, kann wieder Kraft geben.

Der Baustaub allein garantiert das allerdings noch nicht. Es kommt darauf an, was die Bewohner aus dem geöffneten Raum machen. Auch deshalb zählt ihr Umgang miteinander gerade während dieser unübersichtlichen Zeit.

Du kennst inzwischen den Unterschied zwischen einem Haus, das verlassen wird, und einem, in dem Neues entstehen soll. Von innen können beide zeitweise erschreckend ähnlich aussehen. Wer zwischen abgedeckten Möbeln sitzt, sieht zunächst das Durcheinander. Der weitere Blick kann helfen, sich an die Möglichkeiten zu erinnern: Dort kommt Licht herein. Hier wird Platz. Diese Tür führt künftig zu einem Menschen, den man bisher nur durch eine Wand aus Erwartungen gesehen hat.

Die Bewohner dürfen erschöpft sein. Sie dürfen sich über den Lärm beschweren und eine Pause brauchen. Ihr Unmut sagt wenig darüber aus, wie gut es sich später in den neuen Räumen leben lässt. Sehr interessant all das!

 

Du ziehst dich langsam zurück. Das Küchenfenster wird kleiner, die Stadt, das Land. Wieder liegt die wunderschöne blaue Erde wie ein Juwel vor dir.

In deinen Reiseführer schreibst du:

„Planet zurzeit im Umbau. Bewohner leben währenddessen weiter darauf. Erhebliche Belastung. Neue Räume und Möglichkeiten bereits erkennbar.“

Dann ergänzt du eine Empfehlung mit einer wichtigen Notiz:

„Während der Bauarbeiten freundlich miteinander umgehen. Die meisten suchen gerade etwas, das früher an einem festen Platz lag. Einige suchen sich selbst.“

Du schließt deinen Reiseführer und bereitest den Rückflug vor. Doch gerade als du deine Gestalt auf Reisegeschwindigkeit verdünnen möchtest, meldet dein Wahrnehmungsgerät eine Veränderung.

Du schaust zurück.

An dem Küchentisch klingelt das Mobilfon. Die Frau nimmt ab und hört zu. Zum ersten Mal seit Langem hat sie ihre Antwort noch nicht fertig.

Auf deiner Anzeige leuchtet ein winziger Punkt ganz hell.

Dann ein zweiter. Anderswo legt jemand eine alte Feindschaft beiseite. Ein Mensch bittet um Hilfe. Ein anderer teilt etwas, das er bisher sorgfältig bewacht hat. Zwischen den Lichtpunkten werden feine Verbindungen sichtbar. Sie reichen über jene Grenzen hinweg, um die auf der Erde so erbittert gestritten wird.

Mit zwei Fingern vergrößerst du das Bild.

Die Baustelle ist noch da. Der Lärm, die Angst, die offenen Fragen. Doch mitten darin beginnen Menschen, anders miteinander zu leben. Durch die Risse ihrer alten Gewissheiten entdecken sie einander.

Du kennst dieses Leuchten.

So sah dein Heimatplanet aus, als seine Bewohner allmählich begriffen, dass sie ihr Zuhause gemeinsam bewohnten. Damals hatten sie ebenfalls geglaubt, ihre Welt falle auseinander. Später erzählten sie ihren Kindern, wie eng sie zuvor darin gelebt hatten.

Eine Weile schwebst du einfach entspannt über der Erde.

Dann befestigst du mental ein großes gelbes Schild an der blauen Kugel:

„UMBAU BEI LAUFENDEM BETRIEB.
Hier entsteht mehr Platz füreinander.“

Dein Bordcomputer fragt nach dem nächsten Reiseziel.

Du blickst auf die Erde, auf das kleine Küchenfenster und die Frau, die inzwischen lächelt.

„Planänderung“, sagst du. „Wir landen.“

„Forschungsauftrag?“

„Kaffee. Und herausfinden, ob sie noch einen Stuhl frei hat.“

 

 

 

Was ist eigentlich Humor?

Humor ist – wenn das Bewusstsein kurz die Krawatte lockert

Als außerirdischer Besucher hast du bei deinen Beobachtungen auf der Erde etwas Erstaunliches entdeckt. Einige Wesen, auch Menschen genannt, können mitten in einem schwierigen Gespräch plötzlich seltsame Geräusche machen. Ihr Körper schüttelt sich, ihre Augen werden feucht, einige bekommen kaum noch einen vollständigen Satz heraus. Anschließend ist das Problem weiterhin vorhanden, aber die Atmosphäre hat sich verändert  und das gesamte Feld fühlt sich entspannter an.

Im Reiseführer findest du dazu Folgendes:

„Lachen. Bei Menschen verbreitete Ausdrucksform. Kann Nähe herstellen, löst einen Perspektivwechsel aus, kann Spannung lösen und vorübergehend die Überzeugung unterbrechen, dass die eigene Sichtweise, die einzig mögliche ist.“

Es ist beeindruckend. Eine solche Funktion war dieser Spezies nach den ersten Nachrichtensendungen kaum zuzutrauen.

 

Und tatsächlich: Humor gehört für mich zu den wunderbarsten Möglichkeiten, die wir haben, Situationen zu entspannen. Mitten in unseren Überzeugungen, Sorgen, Wut und sorgfältig aufgebauten Vorstellungen, öffnet sich eine Tür. Eben war alles noch furchtbar festgelegt. Dann fällt ein Satz, jemand schaut uns auf eine bestimmte Weise an – und beide lachen. Für einen Augenblick bewegt sich etwas, das gerade noch vollkommen unbeweglich erschien und die Härte und Ausweglosigkeit sind gebannt.

Aber seit wann können wir Menschen eigentlich lachen?

Hat irgendwann ein früher Mensch vor seiner Höhle gesessen, einen Nachbarn mit einem ungewöhnlichen Fell gesehen und den ersten Witz erfunden?

Das lässt sich leider nicht mehr ermitteln. Die zuständige Höhlenredaktion hat keine Aufzeichnungen hinterlassen. Wir wissen allerdings: Die Wurzeln des Lachens reichen weit in unsere evolutionäre Vergangenheit zurück. Lachen, spielerisches Necken und ein ausgefeilter Witz sind dabei unterschiedliche Dinge. Auch bei Menschenaffen wurde spielerisches Necken beobachtet: bei Orang-Utans, Gorillas, Bonobos und Schimpansen. Sie provozieren eine Reaktion, überraschen ihr Gegenüber und schauen, was passiert. Die Forschenden vermuten deshalb, dass Voraussetzungen für solche Vorformen des Humors bereits bei unseren gemeinsamen Vorfahren vor mindestens etwa 13 Millionen Jahren vorhanden gewesen sein könnten. Das ist eine begründete Rückschau, kein Geburtsdatum des ersten Witzes.

Der gepflegte Unsinn hat also eine beachtliche Vorgeschichte.

Damit wir einen Witz verstehen, müssen wir etwas von der Ordnung kennen, mit der er spielt. Wir brauchen eine Vorstellung davon, was ein Gegenstand bedeutet, wie etwas gewöhnlich abläuft oder was mit einem Wort gemeint ist. Erst dann können wir bemerken: Moment mal, hier stimmt etwas auf eine ausgesprochen vergnügliche Weise nicht.

Bei Kindern lässt sich das wunderbar beobachten. Für einen Wortwitz brauchen sie ein Verständnis der verwendeten Wörter. Bei einem komischen Umgang mit Gegenständen reicht bereits eine vertraute Erwartung – die kann sich auch vor der Sprache entwickeln.

Eine Schüssel gehört auf den Tisch. Papa setzt sie auf den Kopf.

Das Kind kennt die Schüssel beim Essen. Jetzt wird daraus ein Hut. Zwei Bedeutungen begegnen sich an einer Stelle, an der sie gewöhnlich wenig miteinander zu tun haben. Papa schaut dabei so selbstverständlich, als hätte er gerade die neueste Frühjahrskollektion aufgesetzt. Papa braucht dafür weder eine philosophische Ausbildung noch ein abgeschlossenes Bewusstseinsseminar. Die Schüssel übrigens auch nicht. Das Kind muss jedoch bereits etwas wiedererkennen können, um Freude an dieser Verdrehung zu haben.

Genau darin liegt für mich die Verbindung zwischen Humor und Bewusstseinsentwicklung: Ich kann eine Bedeutung erfassen und mich zugleich ein Stück von ihr lösen.

Ich weiß, wie etwas gemeint ist. Und ich kann damit spielen. Ich kann einen vertrauten Zusammenhang verlassen, eine andere Logik zulassen und erleben, dass derselbe Gegenstand plötzlich etwas ganz anderes sein darf.

Darin begegnet der Humor dem Konjunktiv.

„Es könnte auch anders sein“ öffnet einen Raum neben dem Gewohnten. Der Humor betritt diesen Raum, setzt sich die Schüssel auf und fragt, ob ihm die Farbe steht.

Beides verlangt Beweglichkeit im Umgang mit unseren Vorstellungen. Solange etwas für mich ausschließlich so sein darf, wie ich es kenne, bleibt wenig Spielraum und der Humor sitzt traurig und gelangweilt in der Ecke, wie ein nicht geladener Gast. Jede Abweichung verlangt dann eine Korrektur. Wer eine Schüssel auf dem Kopf trägt, hat die Gebrauchsanweisung offenbar falsch verstanden.

Mit Humor kann ich die vertraute Bedeutung behalten und gleichzeitig eine weitere Möglichkeit sehen. Für einen Augenblick stehen beide nebeneinander. Aus ihrer überraschenden Verbindung entsteht der Witz.

In diesem Sinne verstehe ich Humor als einen Maßstab für die Beweglichkeit unseres Bewusstseins: Wie frei können wir mit Bedeutungen umgehen? Wie weit können wir unseren Blick von einer festgelegten Vorstellung lösen? Können wir sogar unsere eigene Logik betrachten und entdecken, dass sie keineswegs die einzige ist?

Daraus lässt sich keine Rangliste für Menschen machen. Niemand muss erst drei gute Witze erzählen, um seine Bewusstseinsentwicklung nachzuweisen. Interessant ist die Fähigkeit, den eigenen Blickwinkel als den einen möglichen zu erkennen.

Besonders spannend wird es, wenn wir selbst zum Gegenstand dieser Betrachtung werden.

Über mich selbst zu lachen braucht inneren Abstand. Solange ich vollständig in meiner Sorge, meiner Kränkung oder meiner Überzeugung stecke, nimmt sie mein ganzes Blickfeld ein. So ist es. So fühlt es sich an. Und dafür gibt es mindestens siebzehn gute Gründe.

Wir Menschen können ausgesprochen gründlich begründen, warum wir gerade überhaupt keinen Grund zum Lachen haben.

Dann entdecke ich mich selbst dabei.

„Ah. Ich rette gerade wieder die gesamte Familie. Ohne Auftrag, aber mit Überstunden.“

Plötzlich sehe ich mehr als das Problem. Ich sehe auch mich, wie ich damit umgehe: meinen Eifer, meine Erwartungen und die erstaunliche Selbstverständlichkeit, mit der ich mich zur Leitstelle für das Leben anderer ernannt habe.

Ich bin mitten in der Situation und kann mich zugleich von der Seite betrachten.

Dieser Wechsel bringt eine andere Logik ins Spiel. Eben war ich überzeugt, dass ohne mein Eingreifen alles zusammenbricht. Jetzt fällt mir auf, dass mehrere erwachsene Menschen ihre eigenen Schlüssel, Konten und durchaus brauchbare Gehirne besitzen.

Meine Sorge bekommt Gesellschaft: eine neue Perspektive.

Aus meiner energetischen Sicht liegt darin die besondere Kraft des Humors. Eine festgehaltene Ausrichtung beginnt sich zu bewegen. Unsere Aufmerksamkeit sitzt auf einem Problem, hat sich angeschnallt und sämtliche Ausgänge bewacht. Das Lachen öffnet für einen Moment ein Fenster. Was sich eben noch eng und unausweichlich anfühlte, bekommt Raum.

Die Situation kann weiterhin Aufmerksamkeit brauchen. Doch ich begegne ihr aus einer anderen inneren Haltung. Ich muss meinen bisherigen Gedanken weniger verbissen verteidigen und kann wieder wahrnehmen, was außerdem möglich ist.

 

„Humor ist, wenn du mitten in deinem eigenen Drama kurz auf die Zuschauertribüne wechselst und feststellst: Du spielst die Hauptrolle, schreibst das Drehbuch und bestehst darauf, dass alle anderen gefälligst ihren Text lernen.“

Stefanie Menzel

 

 

Auch zwischen Menschen lässt sich das erleben. Zwei stehen sich gegenüber, jeder innerlich bewaffnet mit guten Argumenten. Dann fällt eine Bemerkung, in der beide sich wiedererkennen. Sie lachen – und für einen Moment begegnen sie einander außerhalb ihrer vorbereiteten Verteidigungsreden.

Sie haben noch längst keine Einigung erreicht. Doch sie können einander wieder sehen.

Deshalb ist Humor für mich so wertvoll. Er kann Verbundenheit erfahrbar machen, während Unterschiede bestehen bleiben. Wir dürfen verschieden denken und gemeinsam entdecken, wie angestrengt wir gerade versucht haben, den anderen davon abzubringen.

Dabei verdient auch Humor einen aufmerksamen Blick. Menschen können gemeinsam lachen und jemanden ausschließen. Spott kann verletzen. Ein „War doch nur Spaß“ übernimmt keine Verantwortung für das, was gerade geschehen ist. Auch Zynismus und Ironie sind leider die verletzenden Varianten des Humors und am Ende Verletzungen gegen sich selbst.

Der Humor, den ich meine, lässt uns menschlicher miteinander umgehen. Er braucht Gespür dafür, ob ein anderer mitlachen kann oder zunächst gehört, gehalten und ernst genommen werden möchte. 

Auch über sich selbst zu lachen braucht Freundlichkeit. Denn sich ständig kleinzumachen ist eine anstrengende Beschäftigung, selbst mit einer guten Pointe.

Wie anders fühlt es sich an, die eigene Widersprüchlichkeit liebevoll zu entdecken: Ich wünsche mir Gelassenheit und werde ungeduldig, weil sie noch immer nicht da ist. Ich möchte Kontrolle loslassen und hätte vorher gerne einen genauen Ablaufplan. Ich vertraue dem Leben – sofern es bis Donnerstag liefert. Da sind wir. Menschen.

Mit großen Fragen, kleinen Gewohnheiten und der Fähigkeit, unsere eigenen Bedeutungen wieder etwas lockerer zu nehmen.

 

Gerade in Zeiten der Veränderung ist das kostbar. Vertraute Vorstellungen geraten in Bewegung. Humor lässt uns erproben, wie es sich anfühlt, wenn etwas anders wird als gedacht. Wir lösen für einen Moment die feste Zuordnung: Das bedeutet immer dieses. Ich bin nun einmal so. Anders geht es eben nicht. Und entdecken: Es geht sogar mit einer Schüssel.

Als außerirdischer Besucher des wundervollen Planeten Erde, schreibst du inzwischen an deinem Abschlussbericht:

„Die Menschen können Bedeutungen erschaffen, sich darin verfangen und sich gelegentlich lachend wieder daraus befreien. Bemerkenswerte Fähigkeit. Im Alltag noch ungleichmäßig genutzt. “Nach kurzem Überlegen ergänzt du:  „Für weitere Begegnungen empfehle ich Humor. Überlegenheit hat sich auf diesem Planeten bereits ausreichend verbreitet und war kein Erfolgsmodell.“

Dann übst du selbst das Lachen.

Alles Liebe und einen fröhlichen und entspannten Sonntag wünsche ich,

deine

Stefanie Menzel